Dass es nun so schnell gehen würde, hätten wir nicht gedacht.
Als ich am 2. Januar über unser Sorgenkind Espresso berichtete, war er natürlich nicht erst seit diesem Tag unser Sorgenkind. Wir beobachteten den alten „Mann“ schon seit Wochen voller Sorge und ich kann mich noch gut an den Moment erinnern, als Martin und ich uns kurz vor Weihnachten anschauten und wir uns beide eingestanden, dass der Tag, an dem wir ihn gehen lassen scheinbar nicht mehr so weit sein wird und wir uns schon mal wappnen sollten. Die Hoffnung war aber schon, dass wir ihn noch über den Winter bekommen und er noch einmal auf der grünen Wiese in aller Gemütlichkeit schnurpseln könnte.
Aber dann baute er doch noch sehr viel schneller ab. Man konnte ihm förmlich beim Pfunde purzeln zusehen und mit jedem Tag fiel im das Aufstehen und Hinsetzen schwerer. Als wir am Sonntag wegen der zwei Sturköpfe Badina und Nisha den Tierarzt da hatten, haben wir auch mit ihm noch mal im Stall gestanden, ihn untersucht und ihn beobachtet und es war klar, wenn er nicht mehr Futter zu sich nehmen würde, dann würde er das nicht mehr lange mitmachen. Der Versuch ihm noch mehr Extrarationen an Futter zukommen zu lassen, scheiterte kläglich. Vielleicht war das auch für ihn der Moment, wo er beschloss, es ist gut. Er stand kaum noch auf und futterte sein Heu zum Schluss nur noch im Sitzen. Während er letzte Woche noch mit der Herde rauskam, wenn wir mit dem Futter kamen, blieb er dann am Montag und Dienstag immer sitzen und wartete ab, was nun passieren würde. Und so kämpften auch wir unseren letzten Kampf und entschieden am Dienstag, dass es an der Zeit ist, ihn in Würde gehen zu lassen und ihn dabei zu begleiten.
Was uns extrem zu Herzen geht und uns bei aller Traurigkeit ein Lächeln ins Gesicht zaubert, war der Umgang der Herde mit ihm und umgekehrt. In den vergangenen Tagen waren alle immer irgendwie um ihn herum. Er saß nie allein, es leistete ihm immer mindestens einer der anderen Hengste Gesellschaft und auch die Hunde waren immer bei ihm. So gaben wohl alle noch mal zurück, was Espresso ihnen in den vergangenen Jahren gegeben hatte: Ruhe und Sicherheit. Er war unser Fels in der Brandung. Unser „aggressiver“ Ruhepol, der in den vergangen viereinhalb Jahren noch einmal richtig Alpaka sein durfte. Denn bevor wir ihn zu uns holten, stand er lange allein, weil er angeblich aggressiv wäre. Ja, er wusste, wer er war und hat sich die Butter nicht vom Brot holen lassen, aber er war so ein lieber und ausgeglichener Kerl. Er wusste die Gesellschaft der anderen zu schätzen, konnte sich aber auch mal zurückziehen und die Ruhe genießen. Die anderen Flauschs – und das gilt sowohl für die mit dem langen als auch mit dem kurzen Hals – wussten, bei ihm ist man gut aufgehoben. Wenn man ihn stänkert, gibt’s was auf den Deckel, wenn man ihn respektiert, bekommt man gute Gesellschaft.

Er wird so fehlen! Das Flausch mit den schnuffigen Löckchen und der süßen Knuffelnase, die er sich immer so herrlich mit seinem Heucobsstaub besuddelt hat, wenn er mit viel Freude und Enthusiasmus seine Extraportion Futter mümmelte, weil er die brauchte, weil er keine Schneidezähne mehr hatte und nicht so wie die anderen das Gras und Heu aufmehmen konnte.
Lebe wohl du Lieber!
